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NATURRAUM UND PHYSISCHE GEOGRAPHIE

Karst

Einleitung

Rund 3 600 km² – das entspricht 22 % der Gesamtfläche – der Steiermark (16 392 km²) bestehen aus Karbonatgesteinen (vor allem Kalken und Dolomiten), die der Lösungsverwitterung (= Korrosion) unterliegen. Der aus dieser Lösungsverwitterung resultierende geomorphologische Landschaftstyp, der Karst, weist eine charakteristische Formenbildung (zum Beispiel Höhlen, Dolinen, Karren, Poljen und Trockentäler) und Hydrographie (im Allgemeinen eine unterirdische Entwässerung) auf. Das Verbreitungsgebiet des Karstes erstreckt sich vom Nordwesten der Steiermark (Totes Gebirge, Dachstein) bis hin zum Süden (Aflenz an der Sulm, Retznei) und beinhaltet dabei Hochgebirge der Nördlichen Kalkalpen, Mittelgebirge der Zentralalpen und ebenso Erhebungen im Alpenvorland. Die im jeweiligen Gebiet vorherrschende Karstlandschaft wird von vielen Faktoren beeinflusst, zu denen unter anderem die Größe des Gebiets, die Mächtigkeit der vorhandenen Karbonatgesteine und die Seehöhe zählen.


Karsttypen in der Steiermark
Karsttypen in der Steiermark

Die Karsttypisierungskarte 1 : 750 000 stellt eine generalisierte Version der Karsttypisierungskarte 1 : 200 000 dar. Aufgrund des kleinen Maßstabes  beruht die Typisierung nur auf der Ausprägung der Karstformen und der Vegetationsbedeckung, woraus sich 8 Karsttypen ergeben. 

 

Faktoren der Karsttypisierung

Ausprägung der Karstformen

Die Ausprägung der Karstformen stellt das dominierende Element der Karsttypisierungskarte dar und unterscheidet zwischen voll entwickelt, teilentwickelt und schwach entwickelt. Voll entwickelte Karstgebiete repräsentieren Verkarstung in allen Facetten – eine komplexe unterirdische Hydrographie ebenso wie das gesamte Spektrum des karstmorphologischen Formenschatzes. Korrosion und nicht Erosion ist das bestimmende Element der gegenwärtigen Landformung. In teilentwickelten Karstgebieten gewinnt die Erosion tendenziell mehr Formkraft gegenüber der Korrosion. Damit in Übereinstimmung finden sich teilentwickelte Typen unter anderem auf Kettengebirgen, deren steiles Relief die Linearerosion fördert. In schwach entwickelten Karstgebieten herrscht Erosion als dominierender geomorphologischer Prozess vor. Karstformen sind durchaus anzutreffen, jedoch nicht mehr als prägendes Landschaftselement, unterirdische Hydrographie ist meist nur kleinräumig entwickelt. 

Areal der Karstgebiete

In der Legende der Karte 1 : 200 000 werden darüber hinaus noch die Areale der Karstkörper berücksichtigt. Hierbei werden die mächtigen, geologisch überwiegend homogenen, karbonatischen Plateaugebirge als geschlossene Karstareale benannt. Die karbonatischen Ketten- und Mittelgebirge besitzen einen heterogeneren geologischen Aufbau mit vielen nichtkarbonatischen Gesteinskörpern und werden als fragmentiert ausgewiesen. Gebiete, in welchen Karstformen die Ausnahmen bilden, werden als isolierte Karstgebiete bezeichnet. 

Höhenlage/Vegetationsbedeckungsgrad

Der Höhenunterschied zwischen Dachstein (2995 m) und dem Talboden der Mur bei Retznei (261 m) beträgt über 2700 Meter. Die Vertikalgliederung spiegelt sich in der Karte durch eine Änderung der Vegetationsbedeckung wider. Der Begriff nackter Karst umfasst alle Hochlagen, die nicht von Kolluvium (eingeschwemmtem Feinmaterial) bedeckt sind, kaum zur Bodenbildung neigen und dementsprechend keine durchgehend geschlossene Vegetationsbedeckung besitzen. Demgegenüber stehen tiefer gelegene, vielfach mit Kolluvium bedeckte Bereiche, auf denen gute Böden entwickelt sind. Der übliche Terminus für solche Karstgebiete lautet bedeckter Karst. Im Falle der Steiermark geht damit auch stets eine dichte, geschlossene Vegetationsbedeckung einher, daher werden solche Gebiete als grüner Karst bezeichnet. Da es keinen exakten Übergang zwischen nackten und grünen Karstgebieten gibt, wird in der Karte ein kombinierter Typ, nackt/grün, ausgewiesen.

 

Karsttypen

Typ 1: Voll entwickelte, nackte Karstmassive

Dieser Typus ist auf die Plateaugebirge der nordwestlichen Steiermark (Dachstein, Totes Gebirge) beschränkt, die eine intensive Verkarstung – und damit einen voll entwickelten Karstformenschatz – aufweisen. Die Gebiete stellen für sich geschlossene, kompakte Areale (Karstmassive) dar. Der Vegetation dieser Hochplateaus fehlt eine geschlossene Grasheidegesellschaft, sodass die Oberfläche auf großen Arealen einen kargen, „nackten“ Eindruck vermittelt (siehe Abbildung 1). Große Flächen werden jedoch von der Latsche (Pinus mugo) bedeckt, die auf diese ungünstigen Standorte spezialisiert ist. Die Verbindung aus flachem Relief und geringem Vegetationsdeckungsgrad lässt Niederschlag sehr schnell in den Gesteinskörper eindringen, womit die Formkraft der Erosion auf ein Minimum reduziert wird.

Abbildung 1: Voll entwickelte, nackte Karstmassive (Typ 1) am Beispiel der klassischen Tauplitzer Schachtzone, Totes Gebirge.  Foto: BAUER 28.08.2009; Blickrichtung N.
Abbildung 1: Voll entwickelte, nackte Karstmassive (Typ 1) am Beispiel der klassischen Tauplitzer Schachtzone, Totes Gebirge. Foto: BAUER 28.08.2009; Blickrichtung N.

 

Typ 2: Voll entwickelte, nackte/grüne Karstmassive

Hauptrepräsentant dieses Typus ist die Hochschwabgruppe, deren vertikale Ausdehnung sowohl nackten als auch grünen Karst auf großen Flächen umfasst (siehe Abbildung 2). Der Hauptunterschied zwischen diesem Typ und Typ 1 ist die dichtere Vegetationsbedeckung. Die Intensität der Verkarstung spiegelt sich sowohl in der Ausprägung der Karstformen als auch in der Hydrologie der Plateaugebirge wider. Die Nutzung einiger Gebiete dieses Typs zur Trinkwasserversorgung der Großstädte Wien und Graz ist Ausdruck dieser intensiven Verkarstung. Auch Typ 2 zählt zu den geschlossenen Karstmassiven.

Abbildung 2: Voll entwickelte, nackte/grüne Karstmassive (Typ 2) am Beispiel des Hochschwabs (Eisgruben).  Foto: BAUER 06.10.2009; Standpunkt G´hacktes, Blickrichtung O.
Abbildung 2: Voll entwickelte, nackte/grüne Karstmassive (Typ 2) am Beispiel des Hochschwabs (Eisgruben). Foto: BAUER 06.10.2009; Standpunkt G´hacktes, Blickrichtung O.

 

Typ 3: Voll entwickelte, grüne Karstgebiete

Gebiete dieses Typs befinden sich allesamt südlich der Mur-Mürz-Furche, mit Schwerpunkt im Grazer Bergland (Schöckl, Tanneben-Stock). Aber auch der Stock der Grebenzen, südöstlich von Murau, zählt zu diesem Typ. Karstgebiete dieser Mittelgebirgsregionen sind von dichter Vegetation bedeckt (siehe Abbildung 3), welche den voll entwickelten Karstformenschatz oftmals schwer erkenntlich macht. Im Gegensatz zu den Typen 1 und 2 stellen die voll entwickelten, grünen Karstgebiete keine geschlossenen Einheiten dar, sondern sind in ihrer Lage fragmentiert.

Abbildung 3: Erscheinungsbild des Grünkarstes im Grazer Bergland (Typ 3, 6, 8) Die geschlossene Vegetationsbedeckung wird nur in Bereichen hoher Reliefenergie unterbrochen.  Foto: BAUER 16.06.2007, Standpunkt: Rennfeld (1.629m), Blickrichtung S.
Abbildung 3: Erscheinungsbild des Grünkarstes im Grazer Bergland (Typ 3, 6, 8) Die geschlossene Vegetationsbedeckung wird nur in Bereichen hoher Reliefenergie unterbrochen. Foto: BAUER 16.06.2007, Standpunkt: Rennfeld (1.629m), Blickrichtung S.

 

Typ 4: Teilentwickelte, nackte Karstgebiete

Wie auch bei Typ 1 sind Gebiete dieses Typus in ihrer Erscheinung „nackt“, das heißt der blanke Fels kommt oft zum Vorschein (siehe Abbildung 4). Teilentwickelte, nackte Karstgebiete finden sich in den Kettengebirgen der Nördlichen Kalkalpen, so dem Grimming und den Ennstaler Alpen (Haller Mauern, Gesäuseberge). Die hohe Reliefenergie gibt der Erosion mehr Formkraft gegenüber den Plateaugebirgen des Typs 1. Hierin liegt auch der Grund für die mäßigere Ausprägung des Karstformenschatzes. Das Areal dieser Gebiete ist fragmentiert. 

Abbildung 4: Teilentwickelter, nackter Karst (Typ 4) am Beispiel der Gesäuseberge (Kettengebirge).  Foto: BAUER 10.07.2008, Standpunkt: Lugauer (2.217m), Blickrichtung W.
Abbildung 4: Teilentwickelter, nackter Karst (Typ 4) am Beispiel der Gesäuseberge (Kettengebirge). Foto: BAUER 10.07.2008, Standpunkt: Lugauer (2.217m), Blickrichtung W.

 

Typ 5: Teilentwickelte, nackte/grüne Karstgebiete

Zu den teilentwickelten nackten/grünen Karstgebieten zählen fragmentierte Gebiete des Typs 1 (Sarstein, Sandling) ebenso wie fragmentierte Gebiete des Typs 2 (Kaiserschild). Weitere größere Karstmassive dieses Typs sind die auch in ihrem geomorphologischen Gesamterscheinungsbild sehr markanten Stöcke der Kräuterin (Ybbstaler Alpen), Tonion (Mürzsteger Alpen) und Reiting (Eisenerzer Alpen). Die Ausprägung der Karstformen bei diesem Typ ist nur mehr mäßig, das Areal fragmentiert.  

Typ 6: Teilentwickelte, grüne Karstgebiete

Teilentwickelte Karstgebiete mit geschlossener Vegetationsdeckung (=grün) und fragmentiertem Areal sind in der Karte besonders weit verbreitet. Sie finden sich stark konzentriert in den Nördlichen Kalkvoralpen (Ybbstaler Alpen, Türnitzer Alpen), im Westen bei Murau (Pleschaitz), entlang des Mürztales sowie im Grazer Bergland (Plabutsch-Buchkogel, Hochlantsch, Schiffall). 

Typ 7: Schwach entwickelte, nackte/grüne Karstgebiete

Dieser Typ findet sich in der Steiermark nur im Bereich der Eisenerzer Alpen (Eisernerzer Reichenstein). Er weist eine schwache Ausprägung der Karstformen und ein fragmentiertes Areal auf.

Typ 8: Schwach entwickelte, grüne Karstgebiete

Abgesehen von kleinen Gebieten im Bereich Murau ist dieser Typ vor allem auf das Grazer Bergland konzentriert (Hochschlag, Plesch). In diesen Gebieten mit meist stark fragmentiertem Areal bilden Karstformen in der Gesamtheit der Oberflächenformen eher die Ausnahme als die Regel. 

 

Auf der Karte 1 : 200 000 finden sich drei weitere Typen:

Typ 9: Teilentwickelte, grüne, isolierte Karstgebiete

Dieser Typ findet sich nur im Raum Wildon. Die wenigen, aber deutlich ausgeprägten Karstformen stehen hier im starken Kontrast zu den Oberflächenformen der umgebenden Gebiete. 

Typ 10: Schwach entwickelte, grüne, isolierte Karstgebiete

Die Karstformen dieses Typus sind schwach und nur kleinflächig, im Extremfall sogar nur punktuell, entwickelt. Beispiele hierfür finden sich im Sausal und um Salla. 

Typ 11: Sonstige Karbonatgesteine

Gebiete dieses Typs bestehen meist aus nur bedingt verkarstungsfähigen Gesteinen und sind bis dato auch karstmorphologisch nicht untersucht.


Ausprägungsgrad der Karstformen in der Steiermark
Ausprägungsgrad der Karstformen in der Steiermark

In der schwarz/weißen Variante der Karsttypisierungskarte 1 : 750 000 wurde im Vergleich zu Karte 3.2.2.1 die Information über den Vegetationsbedeckungsgrad aus der Karte genommen. Das Endprodukt ist eine stark vereinfachte Darstellung von 3 Karsttypen auf Grundlage der Ausprägung der Karstformen, die sich leicht reproduzieren lässt. 

Um eine rasche Orientierung zu ermöglichen, wurden in beiden Karten die Bezirkshauptstädte und das in der Detaillierung dem Maßstab angepasste Gewässernetz verortet. Die Karsttypisierungskarte 1 : 200 000 bietet darüber hinaus auch die Benennung der wichtigsten Gebirgsgruppen und der wichtigsten Gipfel inklusive Höhenangaben.


Quellenverzeichnis

Kartengrundlage: 
Amt der Steiermärkischen Landesregierung, Fachstelle GIS

Literatur:
Bauer C. (2010): Der Karst der Steiermark. Der Karstformenschatz und seine Interaktion mit dem Menschen. – Unpubl. Dissertation, Karl-Franzens-Universität Graz.

Lehrplan Geographie und Wirtschaftskunde, AHS Unterstufe/NMS:
https://bildung.bmbwf.gv.at/schulen/unterricht/lp/ahs9_784.pdf?61ebyf

Lehrplan Geographie und Wirtschaftskunde, AHS Oberstufe: https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10008568

Lehrpläne BHS (HLW und Tourismusschulen, HAK, HTL, BAfEP):
https://www.abc.berufsbildendeschulen.at/downloads/?kategorie=24
Autorinnen und Autoren

Text:
Mag. Dr. Christian Bauer (2011)

Kartengestaltung:
Mag. Dr. Christian Bauer (2011, 2013), Anna Weissinger MSc (2024)

Lehrplanbezüge:
Mag. Michael Lieb

Mögliche Lernziele:
Mag. Michael Lieb

Web-Bearbeitung:
Mag.a Bernadette Ebner (2019), Anna Weissinger MSc (2023, 2024)

Redaktionelle Bearbeitung:
Nora Schopper BA MSc, Anna Weissinger MSc (2023)

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